Der mühsame Kampf um die zweite Chance – Insolvenzen in Deutschland
Beitrag für DeutschlandRadio Kultur, 31.10.2005
von Lixenfeld, Christoph

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DeutschlandRadio Kultur, ZeitFragen
31. Oktober 2005, 19.30 Uhr
Der mühsame Kampf um die zweite Chance
Insolvenzen in Deutschland
Von Christoph Lixenfeld


Musik setzt ein bleibt kurz stehen und wird dann leiser
Darein:

(Ansage)

Der mühsame Kampf um die zweite Chance
Insolvenzen in Deutschland
Von Christoph Lixenfeld

Musik
Straßengeräusch setzt darunter ein

Sprecher
Erstes Kapitel: Neuanfang mit 1000 Handgriffen pro Stunde

Straßengeräusch läuft leiser unter dem Text weiter

Sprecherin
Ein Gewerbegebiet im Südosten der Stadt, eine jener Gegenden, die so gar nicht ins gängige Hamburg-Klischee von großzügigen Altbauetagen oder Flaniermeilen an der Alster passen wollen. Zwischen LKW-Verkehr und S-Bahn-Trasse liegt ein heruntergekommenes Fabrikgebäude, das in der zweiten Etage eine kleine Druckerei beherbergt. Die Maschinen sehen aus wie aus dem 19. Jahrhundert, und fast alle stehen still.

Im Hintergrund setzt leise das Maschinentackern ein, wird unter dem folgenden Text lauter

Sprecherin
Ein Arbeiter sortiert kleine Metallteile in verschiedene Behälter. Er scheint der einzige zu sein, der heute arbeitet. Abgesehen von der etwa vierzigjährigen, schlanken Frau mit kurzen braunen Haaren, die in einer Ecke des Saals vor etwas sitzt, dass aussieht wie eine überdimensionale Nähmaschine. Beate Kalauch steckt kleine runde Plastikrädchen in eine Öffnung, dann bewegt sich eine Art Stempelkissen nach vorn und druckt eine schwarze Zahlenskala darauf. Das fertige Rädchen wird herausgenommen, dann kommt das nächste dran. Ungefähr 1000 Mal macht sie diesen Handgriff in der Stunde.

Maschinentackern wird lauter, bleibt einige Sekunden alleine stehen, schließlich springt der Kompressor mit einem Höllenlärm an

Tackern wird unter dem folgenden Text leiser und verschwindet schließlich

Sprecherin
Etwa alle fünf Minuten springt der KompAressor an, um die Maschine mit der benötigten Druckluft zu versorgen. Auch wenn es nicht so aussieht: Beate Kalauch ist Unternehmerin, allerdings eine ohne Angestellte. Deshalb sitzt sie ein- bis zweimal pro Woche selbst hier, um die kleinen Rädchen zu bedrucken. Das sie solche Aufträge hat, ist ein Beweis ihres Erfolgs: Sie hat wirtschaftlich überlebt, hat sich wieder selbstständig gemacht, obwohl ihre erste Firma Pleite ging und sie über 60.000 Euro Schulden hat.

O-Ton 1: Kalauch
Wir hatten zu teure Räumlichkeiten und wir hatten einfach sehr hohe Personalkosten. Wir hatten also mehr als 100.000 Euro jeden Monat Verbindlichkeiten, und das war einfach zuviel. Da sind wir bei in die Knie gegangen. Und wir haben aufgrund der Erfahrungen, die wir sonst gemacht hatten jahrelang geglaubt, wir schaffen es einfach.

Sprecher
Die JGS Display GmbH, die Beate Kalauchs Ehemann Johannes mit aufgebaut hatte, produzierte mit 13 Mitarbeitern Werbemittel. Herstellung auch kleinster Mengen, wenn’s sein muss am Wochenende, prompte Lieferung durch die Chefin persönlich, das waren die Trümpfe, mit denen sich die kleine Firma gegen mächtige Konkurrenz zu behaupten versuchte. Als die Zahlen dennoch nicht besser wurden, reagierte das Ehepaar Kalauch mit einer Mischung aus Verzicht und Verdrängung.

O-Ton 2: Kalauch
Das wird jeder Unternehmer kennen: Man versucht immer, zu reduzieren, zu reduzieren, und wir schaffen das, wir zahlen uns selber kein Gehalt. Eigentlich haben wir immer vom Dispo von der Bank gelebt. Und wir haben trotzdem dran geglaubt. Wir haben gesagt: Irgendwann verkaufen wir die Firma, und dann rechnet sich das, also als Altersvorsorge auch. Und letztendlich: Wenn man an seine Firma glaubt, glaubt man auch, dass es irgendwann besser wird. Das ist einfach Unternehmerdenken.

Sprecher
Dieses Denken hatte Beate Kalauch im März 2003 dazu veranlasst, in die Firma einzusteigen. Und weil die neue Teilhaberin 50.000 Euro einbrachte, die sie sich Azuvor von einer Freundin geliehen hatte, wollte sie die alleinige Chefin werden.
Ihrem Mann sei das ganz recht gewesen. Beate Kalauch wechselte die Sekretärin aus, verhandelte die teure Miete neu und akquirierte neue Kunden. Doch es war bereits zu spät, das Unternehmen hatte nicht mehr jene Reserven, die für dieses Geschäft unerlässlich sind.

O-Ton 3: Kalauch
Wenn was reinkommt muss Material gekauft werden, dann muss produziert werden, und dann braucht der Kunde noch mal vier bis sechs Wochen bis er bezahlt. Das heißt sie haben mindestens ein Vierteljahr von der Auftragserteilung bis zum Cashflow wieder und müssen natürlich sehen, sie haben in diesem Vierteljahr immer diese hunderttausend Euro Grundkosten, die sie haben. Das ist einfach ein Rechenbeispiel ob sie klarkommen oder nicht klarkommen.

Sprecher
Die Kalauchs kamen nicht klar, schon drei Monate nach ihrem Einstieg in die Firma konnte und wollte die Chefin die Augen davor nicht mehr verschließen. Am 15. Juli meldet sie beim Amtsgericht Insolvenz an. Diesen Antrag kann nicht nur der Unternehmer selbst, sonder auch einer der Gläubiger stellen. Die Hausbank zum Beispiel oder auch der Sozialversicherungsträger, wenn der Unternehmer die Beiträge für seine Mitarbeiter schon seit längerer Zeit nicht mehr abgeführt hat.
Was dann abläuft, erläutert Rainer Himmelsbach. Er ist Rechtsanwalt und Partner bei der Unternehmensberatung Struktur & Management in Köln, die darauf spezialisiert ist, Unternehmen zu retten, bevor der Gang zum Amtsrichter notwendig ist.

O-Ton 4: Himmelsbach
Es gibt zwei unterschiedliche Phasen: Zunächst ein sogenanntes vorläufiges Insolvenzverfahren: Wenn das Unternehmen selbst, weil es nicht mehr genügend Geld hat oder überschuldet ist Insolvenzantrag stellt oder aber ein Gläubiger, der auf sein Geld wartet, Insolvenzantrag stellt, beauftragt der Richter einen in der Regel Rechtsanwalt, der sich das Unternehmen anguckt und mal schaut: Was ist dort an Vermögen, was ist dort an SchuldAen.

Sprecher
In dieser Phase läuft der Geschäftsbetrieb relativ normal weiter. Die Unternehmensleitung bleibt im Amt, und die Bundesagentur für Arbeit sichert mit dem so genannten Insolvenzgeld drei Monate lang die Bezahlung der Löhne und Gehälter.

O-Ton 5: Himmelsbach
Eigentlich beginnt dann erst das eigentliche Insolvenzverfahren, und hier hat der Insolvenzverwalter, der jetzt erst endgültig der neue Chef des Unternehmens ist, die Aufgabe, so weit es geht das Unternehmen fortzuführen und zu sanieren. Daneben aber, und insofern hat er immer zwei Herzen in seiner Brust, soll er für eine bestmögliche Befriedigung der Gläubiger, die ja alle auf Geld warten, auch sorgen.

Sprecherin
Etwa 40.000 Unternehmern melden in Deutschland Jahr für Jahr Insolvenz an. Und in fast allen Fällen, genaue Zahlen dazu gibt es nicht, werden diese Firmen nicht saniert und fortgeführt. Stattdessen macht der Insolvenzverwalter deren Besitz, die so genannte Insolvenzmasse, so weit es geht zu Geld und zahlt damit die Gläubiger aus. Das bedeutet nicht nur das Ende des Unternehmens, es führt häufig auch zum persönlichen Bankrott seiner Inhaber. 60.000 Menschen, melden jedes Jahr Privatinsolvenz an, viele davon sind ehemalige Selbstständige.

Musik setzt ein

Das Desaster hat oft den Grund, dass Unternehmer einen entscheidenden Fehler machen, wenn ihr Laden auf der Kippe steht.

Musik mit Thema, bleibt einen Moment stehen

Sprecher
Zweites Kapitel: Als ob jemand eine ansteckende Krankheit hat

Musik wird leiser und verschwindet

O-Ton 6 : Emme
Nicht aufzugeben, sondern weiter zu machen, dass ist eben das, was Unternehmer und Unternehmerinnen zu tun haben. Und was quasi auch ihr Berufsbild und ihr Selbstbild und wahrscheinlich auch ihre Persönlichkeit ausmacht. Wenn es aber dazu führt, die Realität nicht wahrhaben zu wollen, dann ist es eben das Ausweichen vor der Wahrheit.

Sprecherin Die Berliner Psychologin Martina Emme betreut Menschen, die eine Firmenpleite hinter sich haben. Und was sie dabei erlebt, deckt sich mit dem, was auch Insolvenzverwalter immer wieder berichten: Die meisten Betroffenen reden sich viel zu lange ein, die Situation sei gar nicht so schlimm, morgen komme ja ganz bestimmt der versprochene Großauftrag, und in der nächsten Woche werde der säumige Kunde, über den man sich schon so lange ärgert, endlich seine Rechnungen bezahlen. Unterdessen wachsen die Schulden weiter. Drei von vier insolventen Firmen, schätzt der Verwalter Eberhard Braun, schaffen nur deshalb den Neustart nicht, weil der Gang zum Amtsgericht viel zu spät erfolgt war.

Sprecher:
Und das ist nicht nur gefährlich, sondern auch strafbar, weil es den Tatbestand der Insolvenzverschleppung erfüllt. Martina Emme sieht den Grund für die Verschleppung vor allem darin, dass die Betroffenen die mit der Pleite verbunden Eingeständnisse so schwer ertragen können.

O-Ton 7: Emme
Wenn also die Augen nicht mehr zu verschließen sind, und es ist so, dass also die Insolvenz nicht mehr abzuwenden ist, dann ist das eine ganz große Scheitererfahrung. Etwas ist kaputt gegangen. Sehr große Selbstvorwürfe, und auch ein Schuldgefühl, also das Gefühl, versagt zu haben, das ist eigentlich die Hauptbegleiterscheinung.

Sprecher
Sich und anderen einzugestehen, dass man etwas nicht geschafft hat, dass man seine Ziele nicht wird erreichen können, kostet all jene extreme Überwindung, die jahrlang auf einer Welle des Erfolgs geschwommen sind. Dieser Erfolg, so Psychologin Martina Emme, sei die Visitenkarte der Geschäftsleute. Und das Gegenteil, der Misserfolg, die Schande. Und die müsse verborgen werden.

O-Ton 8: Emme
Es ist schon vorgekommen, dass die eigenen Ehepartner nichts davon wissen sollten. Das gab es Leute, die haben so getan, so ungefähr wie bei einem Arbeitslosensyndrom, jemand der morgens aus dem Haus geht, abends nach Hause kommt und so tut, als seAi alles noch in Ordnung. Also so was hab ich erlebt, und die Krise brach dann aus, als den Kindern erklärt werden musste, dass der Sportunterricht, Klavierstunde, Reitunterricht, der vorher selbstverständlich bezahlt wurde, dass das nicht mehr bezahlt werden kann.

Sprecher
Besonders erschreckend war für Martina Emme die Erkenntnis, dass die Angst vor dem Eingeständnis des Scheiterns sehr berechtigt ist. Denn unzählige Ehen halten den persönlichen Belastungen durch die Insolvenz nicht stand und gehen in die Brüche. Gleiches gilt für die übrigen sozialen Beziehungen, auch Freunde distanzieren sich plötzlich von dem Betroffenen.

O-Ton 9: Emme
Als ob jemand eine ansteckende Krankheit hat. Das Unterstützungsnetzwerk bricht zusammen. Die ehemaligen Kollegen wollen nichts mehr zu tun haben, also mit Versagern gibt man sich nicht ab. Die werden fallen gelassen, die werden nicht mehr eingeladen und so weiter und so weiter.

Sprecherin
Zusammen mit Forschern der Uni Magdeburg arbeitet Martina Emme an einer Studie über „Die biografische Dimension von Insolvenz.“ Sie hat Interviews und Gespräche mit Betroffenen nicht nur in Deutschland geführt, sondern auch im amerikanischen Boston. Dort reagieren die Menschen auf die Pleite eines Unternehmers offenbar ganz anders als bei uns.

O-Ton 10: Emme
Es ist eigentlich eher so begleitet mit einem Schulterklopfen: Na ja, gut, das hast du jetzt in den Sand gesetzt, dann mach mal weiter. Also es wird eher der Neuanfang betont, es kommt Ermutigung für den nächsten Schritt. Aber dieses mit dem Finger zeigen: Du hast hier versagt und das dann mit Schande zu belegen, das scheint mir wirklich ein richtig typisch deutsches Phänomen zu sein.
Hier in Deutschland kann ich sagen: Es ist eine solche Tabuisierung weiterhin da. Ich habe eine Anzeige aufgegeben in zwei Zeitungen, weil ich Interviewpartner für dieses Forschungsprojekt suche. Und da war die Überschrift: Insolvenz angemeldet? Suchen Interviewpartner fürA und so weiter und so weiter. Und es hat sich – immerhin: im Tagesspiegel – kein Mensch gemeldet. Das gibt mir doch Aufschluss über den Grad der Tabuisierung.

Sprecherin
Dieselbe Erfahrung wie Martina Emme machten auch Verantwortliche des Bundeswirtschaftsministeriums, die vor drei Jahren die Plattform www.aus-fehlern-lernen.info schufen. Die Website sollte Unternehmern, deren Firma Insolvenz anmelden musste, als Forum dienen, um Erfahrungen auszutauschen, Tipps für einen Neuanfang zu erhalten oder einfach nur Trost zu finden. Doch die Kommunikation kam nicht in Gang, weil niemand darüber berichten wollte, was er erlebt hatte. Schon seit Anfang 2004 gibt es das Forum nicht mehr, es scheint, dass in Deutschland niemand aus Fehlern lernen will.
Dabei bietet das 1999 reformierte Insolvenzrecht durchaus Chancen auf einen Neuanfang. Ob der gelingt, hängt auch von einem Berufsstand an, der in den vergangenen Monaten massiver öffentlicher Kritik ausgesetzt war.

Musik setzt ein

Sprecher
Drittes Kapitel: Eine Frage der Masse

Musik mit Thema, wird leiser und verschwindet

O-Ton 11: Rattunde
In den Fällen, in denen es an der Unternehmensleitung gelegen hat, da kommt es auf die Qualität des Insolvenzverwalters entscheidend an. Es ist in diesem Falle für eine Zeit der Unternehmer, er muss ins Spiel, und er muss dann die Entscheidung treffen: Hat das ne Chance? Geht das am Markt? Kriege ich das wieder hin? Oder ist das eigentlich sinnlos, weil niemand das braucht? Das Gesetz gibt ihm die Möglichkeit, sanierungswürdige wenn sie so wollen Unternehmen zu sanieren.

Sprecherin
Rolf Rattunde von der Berliner Kanzlei Leonhardt und Partner ist einer der bekanntesten deutschen Insolvenzverwalter. Er und seine Kollegen sind darauf spezialisiert, Unternehmen trotz Insolvenz wieder flott zu machen, in Falle des Schreibwarenkonzerns Herlitz gelang ihnen das in nur vier MAonaten.

Sprecher
Geholfen hat dabei das so genannte Insolvenzplanverfahren, das 1999 geschaffen wurde. Dabei bleibt – ähnlich wie beim amerikanischen Chapter eleven – die bisherige Unternehmensleitung im Amt, der Verwalter spielt bei der Entschuldung und Gesundung der Firma die Rolle des Vermittlers zwischen den Beteiligten.
Allerdings wird das Verfahren nur in etwa 150 Fällen pro Jahr angewandt, weil es vergleichsweise aufwändig und deshalb nicht sonderlich beliebt ist.

Sprecherin
Generell unternehmen Insolvenzverwalter nach Schätzungen von Experten nur bei weniger als einem Prozent der jährlich 40.000 Insolvenzen den Versuch, die Firma als Ganzes zu retten. Die meisten in der Branche, so schrieb das Manager Magazin kürzlich, verstünden sich eher als Totengräber denn als Sanierer.
Das liegt auch daran, dass die Weiterführung eines Unternehmens in der Krise mit einer Menge Ärger verbunden sein kann.

O-Ton 12: Himmelsbach
Verwalter haben zu recht die Sorge, dass sie versuchen, ein Bauunternehmen, dass immer Verlust gemacht hat, fortzuführen, dann aber weiter Verluste schreiben und dann eine Pleite in der Pleite haben.

Sprecherin
Rainer Himmelsbach, Rechtsanwalt bei der Unternehmensberatung Struktur & Management in Köln.

O-Ton 13: Himmelsbach
Und dann bekommen die Insolvenzverwalter natürlich große Probleme mit den Gläubigern, denen es dann lieber gewesen wäre, der Verwalter hätte das gesamte Vermögen des Unternehmens veräußert und die Mittel an alle Gläubiger, an alle Lieferanten, an die Arbeitnehmer ausgekehrt.

Sprecher
Der Insolvenzverwalter bekommt von dem, was er an die Gläubiger auskehrt, der so genannten Insolvenzmasse, einen bestimmten Prozentsatz als Honorar. Je größer diese Masse ist, und je länger ein Verfahren dauert, desto mehr ist daran zu verdienen. Die Abwicklung von Riesenpleiten wie der des Baukonzerns Walter können einem Verwalter mehrere Millionen einbrinAgen. Zwar sieht die Vergütungsordnung auch Prämien für die Weiterführung von Firmen vor, aber das Unternehmen zu schließen und die Masse zu verteilen, ist für den Sequester fast immer der sicherere und bequemere Weg zu einem auskömmlichen Honorar.
Außerdem fühlen sich viele einer Sanierung gar nicht gewachsen, schließlich sind Insolvenzverwalter – von Ausnahmen abgesehen - Juristen und keine ausgebildeten Kaufleute. Rolf Rattunde von Leonhardt und Partner in Berlin sieht darin allerdings kein Problem. Wie ein Verwalter agiert, hängt seiner Meinung nach nicht von der Ausbildung, sondern von dessen Selbstverständnis ab.

O-Ton 14: Rattunde
Letztlich sind solche Unternehmensfortführungen und Unternehmenssanierungen unternehmerische Entscheidungen. Dazu muss man zunächst mal sich selber als Unternehmer verstehen und nicht als bloßer Gerichtsvollzieher oder Vollstreckungsarm der Gläubiger. Und dann ist es natürlich so, dass jeder Unternehmer, sich die Frage stellen muss: Ist das, was ich erreichen kann, mit angemessene Mitteln und mit angemessenen Risiken zu schaffen. Niemand wird Kopf und Kragen riskieren, um eine ausgesprochen unwahrscheinliche Sache hinzubekommen, die dann am Schluss noch nicht mal so wahnsinnig lukrativ ist.

Sprecherin
Auch Rolf Rattunde und seine Kollegen in der Kanzlei Leonhardt und Partner riskieren nicht ständig Kopf und Kragen, um Firmen in der Insolvenz vor dem endgültigen Untergang zu bewahren. Und die allermeisten Kandidaten, so Rattunde, könnte auch der beste Verwalter der Welt nicht retten.
Es gibt aber auch Unternehmen, die wirken zwar marode, sind aber im Kern gesund und in der Lage, sich am Markt zu behaupten. Zu ihnen gehört eine Fabrik in Brandenburg, für die die Insolvenz nicht den Untergang, sondern die Rettung bedeutete.

Musik setzt ein

Sprecher
Viertes Kapitel: Es ist hier nicht alles traurig, wie ihr meint.

Musik mit Thema wird leiser und geht in das zunächst sehr leise Fabrikgeräusch über,A das unter dem ersten Text weiterläuft

Sprecherin
Premnitz, eine kleine Stadt im Havelland westlich von Berlin: In einem weitläufigen Industriegebiet stehen die Hinterlassenschaften einer der größten Chemiefabriken der DDR. 6.000 Menschen beschäftigte die Märkische Faser AG noch 1990, heute wirkt das Gelände auf den ersten Blick verlassen, fast wie eine Industrieruine: Die Fassaden sind verwittert, zwischen den Betonplatten, mit denen die Zufahrt gepflastert ist, sprießt das Unkraut.

Fabrikgeräusch wird etwas lauter

Nur die Geräuschkulisse weckt Zweifel daran, ob hier wirklich alle Räder still stehen. Und wer die größere der beiden Fabrikhallen betritt, vergisst das Bild von der Industrieruine innerhalb von Sekunden.

Fabrikgeräusch wird plötzlich lauter, so als ab jemand eine Tür aufgerissen hätte; Geräusch bleibt einige Sekunden stehen, geht dann in den folgenden O-Ton über.

O-Ton 15: Brack
Das ist jetzt typische Versuchsware: Diese Faser wird eine Faser sein, die ein anderes Bauschverhalten hat, wo man also in volumenstarke Produkte anders reingehen kann. Wir sind sehr stark im hygienischen Bereich, Inkontinenzbereich, und ja, jede Art von Bauschigkeit. Da gibt’s ja in der Phantasie sehr viele Dinge Richtung Decken, Daunen, Füllungen: Da haben wir eine andere Idee.

Maschinengeräusch läuft unter folgendem Text erst weiter, verschwindet dann allmählich

Sprecherin
Eberhard Brack ist heute Chef der Märkischen Faser. Aus einem Baumwoll-Ersatz namens Grisuten stellt das Unternehmen künstliches Garn her, das zu Garderobe und vielen anderen Textilien für den Einsatz in Gewerbe und Haushalt
weiterverarbeitet wird.

Sprecher
Das Unternehmen und der Standort haben eine lange Tradition, hier wurde 1890 die Chemiefaser erfunden. Hundert Jahre später begann der schrittweise Abstieg. Am Ende von mehreren Privatisierungen in den 90er Jahren gelangte die Märkische Faser in die Hände einer AktionärsgruppAe mit Sitz in Singapur. Erklärte Absicht der neuen Eigentümer war es, in Premnitz Standardfasern in großen Mengen auch für Märkte außerhalb von Europa herstellen zu lassen.

Sprecherin
Nach Ansicht des damaligen Vorstands ein gewagtes Vorhaben. Wenn überhaupt, dann hätte das nur nach einer umfangreichen Modernisierung gelingen können. Mit der aktuellen Produktion machte man Verluste, und als die Eigentümer kein Geld für Investitionen überwiesen, zog das Management in Premnitz im Jahre 2001 die Notbremse und meldete Insolvenz an.
Zum Verwalter wurde Rolf Rattunde bestellt, der eine ungewöhnliche Entscheidung fällte: Er ließ die stillgelegte Produktion kurz vor Weihnachten 2001 trotz Insolvenz wieder anlaufen, damit die Märkische Faser noch vorhandene Aufträge abarbeiten konnte und für die Kunden weiter am Markt präsent blieb. Eberhard Brack:

O-Ton 16: Brack
Das sind so Dinge, wo einfach auch den Mitarbeitern zeigt: Hoppla, da ist einer, der glaubt an uns, und das brauchen Mitarbeiter in der Insolvenz. Die brauchen hier den Input, wo einer sagt: Leute, ihr seid weder dumm, noch faul, noch sonst irgendwie inkompetent. Dass ihr insolvent seid, liegt jetzt nicht unbedingt an Euch, sondern das sind ganz ganz viele Faktoren, und das kann man sicherlich nicht monokausal beantworten. Mit diesem Input konnten auch die Mitarbeiter hier zu ihren Kunden wieder gehen und sagen: Hört mal her, es ist hier nicht alles traurig wie ihr meint. Wir haben das und das und wir haben einen guten Insolvenzverwalter und der hat das und das gemacht. Und die Kunden sind auch nur Menschen, die sich gerne begeistern lassen. Unsere Kunden wussten, dass es sinnvoll ist für den Markt, dass wir weiter existieren.

Sprecherin
Ohne den Einsatz des Insolvenzverwalters gäbe es heute die Märkische Faser nicht mehr, davon ist der neue Chef Eberhard Brack überzeugt. Denn nur weil die Fabrik trotz Insolvenz noch lief, wagten die neuen Eigentümer überhaupt den Einstieg in Premnitz.
NeAben seinem neuen Job in Brandenburg ist Brack Gesellschafter und Geschäftsführer von Glaeser Textil, einem Textilhandels- und Recyclingunternehmen aus Ulm. Sein Partner bei der Märkischen Faser ist Claas E. Daun, Chef von Daun & Cie., Deutschlands größter Textilgruppe.

Sprecher
Den Kaufpreis will Eberhard Brack zwar nicht nennen, betont aber, der Betrag sei auf keinen Fall nur ein symbolischer gewesen. Schulden hatte das Unternehmen zum Zeitpunkt der Übernahme nicht mehr, weil ein langjähriger Lieferant notgedrungen auf Teile seiner Forderungen verzichtet hatte: Wäre die Märkische Faser geschlossen worden, hätte ihr größter Gläubiger sämtliche Außenstände aus der Vergangenheit und für die Zukunft einen großen Kunden verloren.

Sprecherin
Den neuen Inhabern ging es zunächst darum, um jeden Preis neue Verluste zu vermeiden. Schnelle Entscheidungen mussten getroffen und diese konsequent umgesetzt werden. Als erstes korrigierten sie die Fehler der Vergangenheit.

O-Ton 17: Brack
Eine Sache war sicherlich hier, dass das frühere Management sehr viele Dinge outgesourct hat. Jetzt möchte ich hier gegen keine Unternehmensberatung reden, die viel Geld verdient in der Planung und Projektierung und sonst irgendwas. Aber in unserem speziellen Fall war das sicher eine suboptimale Entscheidung. Deswegen haben wir sehr viele Dienstleistungen ins Unternehmen reingeholt, wir haben uns eben zugetraut, dafür auch Leute einzustellen. Heute heißt es ja immer: möglichst wenige Mitarbeiter. Das ist vielleicht ein bisschen eine eindimensionale Sicht: Man kann auch mit Mitarbeitern ein Unternehmen effizienter und Leistungsorientierter machen.

Maschinengeräusch setzt langsam wieder ein, wird im laufe des Texts lauter und schließt sich dann nahtlos an die Atmo unter dem nächsten O-Ton an.

Sprecherin
Mit 185 Angestellten hatten die neuen Inhaber die Märkische Faser 2002 übernommen, heute arbeiten hier bereits wieder 280 Menschen. Um LageArhaltung, Wartung und Instandsetzung der Maschinen kümmern sich jetzt eigene Leute statt teurer externer Dienstleister. Um die erforderliche Flexibilität zu erreichen, wurde die gesamte Organisation des Unternehmens umgestaltet, die strengen Hierarchien aus alten Zeiten sind verschwunden. Eberhard Brack verhandelte die Konditionen mit dem lokalen Heizkraftkraftwerk neu und reduzierte die Abhängigkeit vom Hauptlieferanten des wichtigsten Vorprodukts der Chemiefaser.
Doch nicht nur die Kosten sanken, auch der Umsatz steigt, weil beide neuen Chefs aus der Branche kommen und wertvolle Kontakte zu neuen Kunden mitbringen.

Maschinengeräusch wird leiser und geht in Musik über

Musik setzt ein

Maschinentackern in der kleinen Druckerei in Hamburg setzt darunter ein und läuft unter der Kapitalüberschrift und unter dem ersten Text weiter, unter dem ersten O-Ton wird es leiser und verschwindet schließlich

Sprecher
Fünftes Kapitel: Es geht nicht ums Leben, es geht nur um Geld.

Musik, verschwindet

Sprecherin
Zurück nach Hamburg, in die kleine Druckerei im Industriegebiet. Beate Kalauch arbeitet hier ein bis zwei Tage pro Woche allein vor sich hin. Die Maschine gehört ihr, die Fläche ist stundenweise gemietet.
Ihr ehemaliges Unternehmen, die JGS Display GmbH, hatte am 15. Juli 2003 Insolvenz angemeldet. Am 5. August gründete Kalauch eine neue Firma, die wie die alte Werbemittel herstellt und außerdem kleine Druckaufträge abwickelt. Mit den Erträgen daraus ernährt die Gründerin sich, ihren Mann und die beiden Söhne. Zwar hat Beate Kalauch heute viel weniger und kleinere Aufträge als früher, aber dafür auch drastisch niedrigere Kosten. Es gibt weder eigene Räume noch feste Angestellte, und bei dieser Strategie will sie um jeden Preis bleiben. Wenn im nächsten Sommer wie jedes Jahr wieder eine Flaute kommt, muss die Familie zwar sparen, wird aber nicht durch hohe Fixkosten in den Ruin getrieben.

Sprecher
AuAch das private Netzwerk ist, anders als in den meisten solcher Fälle, nicht zerrissen. Die wichtigste Voraussetzung, um trotz Pleite seinen Freundeskreis zu behalten, sagt Beate Kalauch, ist Offenheit.

O-Ton 19: Kalauch
Wir sind einfach ganz normal damit umgegangen und haben das auch ausgesprochen, dass wir auch selbst Fehler gemacht haben. Dass einfach das Menschenmögliche getan wurde von uns, und dass es nicht gereicht hat. Sie werden ja nicht zum Unternehmer geboren, es gibt keine Ausbildung zum Unternehmer, sie wachsen da so rein. Und dann lesen sie Bücher und versuchen, sich schlau zu machen. Und wir hatten Unternehmen beauftragt, die uns beraten haben. Das hat alles nichts gebracht, außer, dass es viel Geld gekostet hat.

Sprecher
Die Beerdigung ihrer ehemaligen Firma läuft noch immer, im kommenden Frühjahr soll das Insolvenzverfahren endlich abgeschlossen sein. Einen ernsthaften Versuch, das Unternehmen zu retten, hatte der Verwalter nach Ansicht von Beate Kalauch nicht gemacht.
Was ihr blieb, ist ein Berg von Schulden, Monat für Monat zahlt sie 650 Euro an die Bank. Die Höhe der Raten konnte sie selbst bestimmen, und auch sonst ist ihr Geldinstitut sehr kooperativ und hilfsbereit. Den Verantwortlichen bleibt gar nichts anderes übrig. Denn Beate Kalauch könnte ebenso gut ihre neue kleine Firma schließen und Privatinsolvenz anmelden. Dann verlieren die Gläubiger den größten Teil des verliehenen Geldes, und die Schuldnerin ist nach sechs Jahren sämtliche Verbindlichkeiten los. Doch diesen Weg zu gehen, war für Beate Kalauch von vornherein ausgeschlossen.
O-Ton 20: Kalauch
Das Leben kann ja noch lang sein, und vielleicht bin ich ja noch mal dringend drauf angewiesen, dass jemand für mich bürgt. Und wenn jemand weiß, dass ich mir das so einfach mache, dass kann ich doch vergessen, das wird nie wieder vorkommen. Aber jetzt ist es so, das ich, wenn ich Geld brauche, immer noch Mittel und Wege finde, aus dem Privatkreis Geld zu bekommen, was ich teilweise aAuch nutze, wenn ich größere Anschaffungen für die Firma machen muss. Einfach was Material angeht, da geht es ja schnell in die fünfstellige Summe. Und da krieg ich ganz kurzfristig auch Geld frei dann. Weil sie auch gesehen haben, wie ich mit dieser Insolvenz umgegangen bin. Und dass ich nicht gesagt habe, da habt ihr eben alle Pech gehabt, sondern zu meinen Verbindlichkeiten stehe.

Sprecher:
Beate Kalauch ist eine Macherin, für die es zu jedem Problem einen Ausweg gibt und die allenfalls die Art der Lösung für diskussionswürdig hält. Ihr Mann Johannes hat die Pleite nicht so leicht weggesteckt: Bis heute findet er nicht die Kraft, noch einmal etwa eigenes anzufangen. Und dass er in dem neuen Mini-Unternehmen seiner Frau mitarbeitet, hält das Paar aus psychologischen Gründen für keine gute Idee. Immerhin: Die Kalauchs streiten viel weniger als kurz nach der Insolvenz, und die Angst, Ehe und Familie könnten unter dem Druck zerbrechen, ist auch geschwunden.
Johannes Kalauch hält heute seiner Frau den Rücken frei, erzieht die beiden Söhne, kümmert sich um den Haushalt, und diese Rollenverteilung scheint im Augenblick für beide optimal zu sein.
Über die Insolvenz sprechen die beiden mittlerweile nur noch ganz selten. Man muss einfach das Gestern gestern sein lassen, findet Beate Kalauch.

Musik setzt unter dem folgenden O-Ton langsam ein

O-Ton 21: Kalauch
Es geht immer nur um Geld. Es geht nicht ums Leben, es geht nur um Geld, auch wenn natürlich das Leben ganz eng damit verknüpft ist. Und natürlich auch: Was denken die Freunde, was denken die Nachbarn? Wie wird es weitergehen? Werde ich jetzt als Sozialhilfeempfänger enden, das ist ja die schlimmste Vorstellung, die man sich so machen kann. Und trotzdem: Es geht nur um Geld.

Musik wird lauter, bleibt einen Moment lang stehen.

(Absage)


In der Reihe Zeitfragen hörten Sie heute:

Der mühsame Kampf um die zweite Chance
Insolvenzen in Deutschland

Redaktion: Constanze Lehmann
Produktion: DeutschlandRadio Kultur 2005

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